Foto: omr.comAm Wochenende habe ich einen interessanten Podcast gehört, der mich zum Nachdenken über die künftige Rolle von KI – nicht nur im Handel, sondern vor allem in der Organisationsführung – gebracht hat. In der 400. Jubiläumsfolge von OMR Education (Think with Tarek) spricht About-You-Gründer Tarek Müller über den radikalen Wandel, den er „Agentic Commerce“ nennt. Es geht nicht mehr um ferne Zukunftsmusik, sondern um messbare Effizienz und völlig neue Suchlogiken.
Hier sind meine Gedanken zu den drei spannendsten Entwicklungen aus dem Gespräch:
1. Von Keywords zu Kontexten: Wie wir künftig gefunden werden
In der klassischen SEO-Welt drehte sich alles um Keywords und Backlinks. Doch in einer Welt, in der Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT oder Gemini die Suche übernehmen, zählt eine neue Währung: Kontext.
Tarek Müller erklärt das so: In der Google-Welt war ein Backlink ein Autoritätsbeweis. In der LLM-Welt ist es das „Reverse Engineering des Kontextes“. Wenn ein Nutzer nach einer Lösung für ein komplexes Problem sucht – etwa Akne oder das perfekte Pendler-Fahrrad –, sucht die KI im „Open Web“ nach Referenzpunkten, die exakt zu diesem individuellen Nutzungsszenario passen.
„In LLMs ist das anders. Es ist ein Reverse Engineering des Kontextes. […] Was eine viel größere Rolle spielt, sind die Inhalte. Die KI sucht nach Referenzpunkten von Mensch X mit Interessen Y und guckt im Web: Wo finde ich diese Information?“ – Tarek Müller
Für uns Marketer bedeutet das: Wir müssen weg von der stumpfen Keyword-Optimierung. Wir brauchen User Generated Content und detaillierte Produktbeschreibungen, die echte Anwendungsfälle beschreiben. Die KI muss verstehen, warum unser Produkt die Antwort auf eine sehr spezifische, kontextreiche Frage ist.
2. Agentic Commerce: Wenn die KI für uns einkauft
Der zweite Punkt ist fast noch revolutionärer: Der Übergang von der Recherche zur Transaktion innerhalb der KI-Oberfläche. Tarek prognostiziert, dass wir spätestens 2026/2027 erleben werden, wie Gemini und Co. Käufe direkt abwickeln.
Das stellt Händler vor eine gigantische technische Herausforderung. Wer bei einer „Reverse Auction“ einer KI gewinnen will, muss seine Daten im Griff haben. Die KI wartet keine halbe Stunde auf eine Antwort vom Server. Preise, Bestände, Lieferzeiten und sogar Loyalty-Punkte müssen in Millisekunden über Echtzeit-APIs verfügbar sein.
3. Neue Organisationsprinzipien: Weniger Abteilungen, mehr „Flows“
Interessant fand ich Tareks Ausblick auf die Rolle als CEO. Wenn 50 % des Kundenservice automatisiert sind und KI-Agenten die manuelle Arbeit von zehn „Knowledge Workern“ erledigen, ändert sich Führung radikal.
„Was ist eigentlich meine Rolle in der Zukunft? […] Die richtigen Fragen zu prompten. Ich kann morgens einen Agenten starten und wenn ich ins Büro komme, hat er zehn Dinge erledigt. Womit lasse ich ihn nach dem Frühstück loslaufen?“ – Tarek Müller
Wir bewegen uns weg von der Koordination von Menschen hin zur Steuerung von Agenten, Bots und automatisierten Workflows. AI-native Organisationen tendieren zu etwas anderem: Flows. Also: Ende-zu-Ende-Ketten, die auf Ergebnis optimiert werden – und in denen KI viele Übergaben ersetzt. „Produkt geht live“ ist dann kein Projekt mehr mit acht Tickets, drei Meetings und zwei Wochen Wartezeit – sondern ein Flow aus Daten, Content, Prüfung, Veröffentlichung, Monitoring.
Die Rolle des Menschen verschiebt sich dabei in drei Richtungen:
- Qualitätssicherung (was darf raus, was nicht?)
- System-Design (wie muss der Flow gebaut sein?)
- Entscheidungslogik (welche Regeln gelten – und wann wird es individuell?)
Vom Katalog-Händler zum Flow-Architekten
Die Ära, in der E-Commerce daraus bestand, Produkte in einen Shop zu kippen und auf Google-Traffic zu hoffen, ist endgültig vorbei. Wenn KI-Agenten zu unseren neuen Gatekeepern werden, reicht „Sichtbarkeit“ nicht mehr aus – wir brauchen Relevanz im Kontext. Was mich an Tareks Analyse besonders fasziniert: Die größte Herausforderung ist nicht die KI selbst, sondern unsere eigene Trägheit. Wer in Silos und Ticketsystemen denkt, wird gegen „AI-native“ Unternehmen verlieren, die ihre Prozesse in nahtlosen Flows organisieren. Wir müssen lernen, weniger zu verwalten und mehr zu designen. Unsere Aufgabe ist es künftig, die Leitplanken zu setzen, innerhalb derer die KI autonom Bestleistungen erbringt.