03.10.2025

GPT-5, Superintelligenz und die Frage nach der Wahrheit

youtube.com/watch?v=hmtuvNfytjMFoto: youtube.com/watch?v=hmtuvNfytjM

Es gibt Interviews, die klingen wie ein Blick durchs Schlüsselloch in die Zukunft. Cleo Abram, die mit ihrem Format Huge Conversations regelmäßig die großen Köpfe der Tech-Welt trifft, hat Sam Altman – CEO von OpenAI – befragt. Herausgekommen ist eine Unterhaltung, die gleichermaßen begeistert, beunruhigt und inspiriert. Erst vor wenigen Tagen habe ich hier im Blog über das neue Buch von Tim Berners-Lee geschrieben – den Erfinder des World Wide Web. Faszinierend, wie sich diese beiden Perspektiven ergänzen: Berners-Lee mit seiner Vision eines offenen, fairen Internets – und Altman mit dem nächsten großen Sprung, der unser digitales Fundament gerade erschüttert und neu aufbaut.

GPT-5: Ein Technologiesprung ohne Beispiel

Altman wirkt fast nüchtern, wenn er beschreibt, was GPT-5 bedeutet: ein Werkzeug, das in Minuten oder Sekunden leistet, wofür Experten früher Stunden, Tage oder Wochen gebraucht hätten. Ein Beispiel: Das legendäre Spiel Snake für den Taschenrechner TI-83 – früher ein Projekt, das eine Jugend lang dauerte, programmiert von Nerds im Klassenzimmer. GPT-5 erledigt es heute in Sekunden.
Das Beeindruckende: Menschen beginnen, diese Beschleunigung nicht nur als Werkzeug zu sehen, sondern als kreativen Partner. Ideen, die man früher verwarf, weil sie zu komplex erschienen, lassen sich jetzt in Echtzeit ausprobieren.

„Time under Tension“: Wie viel Denkleistung bleibt beim Menschen?

Cleo Abram bringt einen Vergleich aus dem Gewichtheben: „time under tension“ – die Zeit, die Muskeln unter Belastung verbringen, macht den Unterschied. Übertragen aufs Denken bedeutet das: Ohne Mühe kein Erkenntnisgewinn. Altman sieht beide Seiten: Manche nutzen KI als Abkürzung, andere als Verlängerung ihres geistigen Radius. Entscheidend sei, dass Werkzeuge wie GPT-5 Menschen zu mehr Denkleistung animieren – und nicht zu weniger.

Wissenschaftliche Durchbrüche durch KI?

Eine Frage von Patrick Collison (Stripe) brachte es auf den Punkt: Wann wird ein Sprachmodell eine bedeutende wissenschaftliche Entdeckung machen? Altmans Prognose: bis spätestens 2027. Und er meint nicht bloß das Nachplappern von Daten – sondern echte neue Erkenntnisse. Dafür brauche es allerdings mehr „kognitive Power“ der Modelle und neue Experimente in der realen Welt. Nur denken allein reiche nicht.

Superintelligenz: Was bedeutet das konkret?

Für Altman beginnt „Superintelligenz“, wenn eine KI bessere Forschung betreiben könnte als das gesamte OpenAI-Team – oder gar OpenAI besser führen als er selbst. Eine Aussage, die noch vor wenigen Jahren nach Science-Fiction klang, heute aber fast greifbar wirkt. Abram springt mit Altman in die Zukunft: 2030, Teenager scrollen durch ihre Feeds – wie erkennen sie, was echt ist?
Altmans Antwort: Wir werden uns an einen fließenden Realitätsbegriff gewöhnen. Schon heute sind Smartphone-Fotos KI-optimiert. Morgen werden komplette Videos synthetisch erzeugt sein. Die Frage verschiebt sich also von „ist das echt?“ zu „ist das glaubwürdig genug?“.

Jobs 2035: Chance oder Bedrohung?

Altman sieht die nahe Zukunft als Chance – vor allem für Junge. Wer 2030 in den Arbeitsmarkt eintritt, könne mit Ein-Personen-Unternehmen Milliardenwerte schaffen. Bedrohlich sei eher die Lage für Ältere, die sich nicht mehr umschulen wollen.
Sein Credo: Noch nie war die Ausgangslage günstiger, um Neues zu erschaffen. So optimistisch Altman klingt – er verschweigt die Schattenseiten nicht. Jede industrielle Revolution habe Verwerfungen erzeugt. Auch diesmal werde es „Verlierer“ geben.
Möglicherweise müsse sich der soziale Vertrag ändern: Zugang zu KI-Compute – also zu Rechenressourcen – könnte die neue Schlüsselfrage werden. „Kriege darüber wären denkbar“, sagt Altman.

„Wir haben noch keinen Sex-Bot-Avatar eingebaut“

An einer Stelle wird es fast absurd ehrlich. Gefragt nach Entscheidungen, die Wachstum gebremst haben, antwortet Altman: „Wir haben noch keinen Sex-Bot-Avatar in ChatGPT integriert.“ Ein Satz, der zeigt, wie sehr OpenAI auf langfristiges Vertrauen statt kurzfristige Klicks setzt – wohl wissend, dass das andere Anbieter anders handhaben. Altman beschreibt auch die Momente, in denen er innehält: Milliarden Konversationen täglich – und eine kleine Änderung im Modell beeinflusst weltweit, wie Menschen denken und handeln. „Eine verrückte Menge an Macht für eine Technologie“, sagt er.

KI ist kein Science-Fiction mehr

Dieses Interview ist mehr als ein Schlagabtausch zwischen Journalistin und Tech-CEO. Es ist ein Dokument unserer Zeit: KI ist keine Science-Fiction mehr. Sie ist längst hier – und definiert unser Denken, Arbeiten und Zusammenleben neu. Die eigentliche Frage ist nicht das „Ob“, sondern das „Wie“. Wie gestalten wir diese Technologie: menschenzentriert, transparent, souverän? Der Takt ist gnadenlos. Altman selbst sagt: Ein heute geborenes Kind wird niemals klüger sein als KI. Diese Aussage wirkt wie ein Schlag in die Magengrube – und gleichzeitig wie eine Einladung, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht gilt genau das: Nicht Angst oder Euphorie sollten unser Handeln bestimmen, sondern Gestaltungswille. Denn die Zukunft, die Sam Altman skizziert, kommt schneller, als wir uns anpassen können. Und trotzdem bleibt es an uns, welchen Kurs wir setzen.

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