29.09.2026

KI verändert das Agenturgeschäft – Das Ende der klassischen Digitalagentur?

netzversteherFoto: netzversteher

Gleich zweimal innerhalb weniger Wochen hat mich Susan Rönisch von iBusiness.de als Experten zur Zukunft des Agenturgeschäfts befragt. Im ersten Beitrag „Vom KI-Hype zum Härtetest: Sieben Trends, die das Agenturgeschäft neu ordnen“ ging es darum, welche Entwicklungen Digitalagenturen 2027 prägen werden. Im zweiten Artikel stellte iBusiness die vielleicht noch spannendere Frage: „Wofür Agenturen 2027 bezahlt werden und wofür nicht“. Beide Beiträge zusammengenommen führen für mich zu einer grundsätzlichen Frage, mit der sich unsere Branche beschäftigen muss: Wie viel klassische Agentur wird in fünf Jahren überhaupt noch gebraucht?

Dass sich etwas Grundlegendes verändert, ist kaum noch zu übersehen. KI beschleunigt heute bereits Recherche, Content-Produktion, Programmierung, Gestaltung und Analyse. Standardcontent, Variantenproduktion, Standardcode und reine zusätzliche Produktionskapazität geraten dadurch massiv unter Druck. Gleichzeitig gewinnen Urteilskraft, Beratung, komplexe Integration, Verantwortung und messbare Wirkung an Bedeutung. Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Disruption: KI macht Agenturen nicht vollständig überflüssig, aber sie macht einen erheblichen Teil dessen überflüssig oder zumindest deutlich billiger, womit Agenturen bisher ihr Geld verdient haben.

Wenn Zeit kein Wertmaßstab mehr ist

Das traditionelle Agenturmodell basiert bis heute häufig auf Zeit. Ein Entwickler benötigt drei Tage, ein Designer zwei, ein Konzepter einen – daraus entsteht ein Angebot. Dieses Prinzip gerät ins Wanken, sobald dieselbe Aufgabe mit KI-Unterstützung nur noch einen Bruchteil dieser Zeit beansprucht. Viele Leistungen waren bislang auch deshalb teuer, weil ihre Erstellung viel Zeit und Personal erforderte. Diese Kalkulationsgrundlage beginnt zu erodieren.

Das bedeutet für mich nicht, dass Agenturen künftig einfach ihre Stundensätze erhöhen oder KI-Zeit verstecken sollten. Vielmehr müssen wir neu definieren, wofür Kunden überhaupt noch bezahlen. Ein Unternehmen bezahlt schließlich nicht dafür, dass fünf Menschen drei Tage lang an einer Lösung arbeiten. Es bezahlt idealerweise dafür, dass am Ende ein Problem gelöst wird.

Damit verschiebt sich der Wert einer Agentur von der Produktion hin zu Beratung, Konzeption, Erfahrung und Verantwortung. Welches System ist das richtige? Welche Prozesse können automatisiert werden? Wo schafft KI tatsächlich Effizienz und wo produziert sie lediglich zusätzlichen Aufwand? Wie lassen sich Vertrieb, Kundenservice oder interne Abläufe verbessern? Und wie integriert man verschiedene Systeme so miteinander, dass am Ende eine funktionierende Gesamtlösung entsteht?

Je einfacher die Produktion wird, desto wichtiger wird die richtige Entscheidung.

Viele klassische Agentur-Skills wandern ins Unternehmen

Ich glaube allerdings, dass man noch einen Schritt weitergehen muss. Entwickler, Designer, Texter oder Konzepter werden mittelfristig in Agenturen nicht mehr in der Form und Anzahl gebraucht werden, wie wir es über Jahrzehnte kannten. Viele dieser Fähigkeiten wandern direkt in die Unternehmen, weil KI die Einstiegshürde dramatisch senkt. Die Textbranche zeigt bereits, wohin die Entwicklung gehen kann. Viele klassische Textagenturen und reine Content-Dienstleister sind unter erheblichen Druck geraten, weil Unternehmen Texte inzwischen selbst mit KI erstellen können.

Auch bei uns hat sich die Arbeit bereits massiv verändert. Unsere Entwickler schreiben längst nicht mehr jede Codezeile selbst, sondern prompten immer stärker komplette Funktionen, prüfen Ergebnisse, korrigieren und integrieren sie. Im Design entstehen erste Scribbles und Homepages heute mit Tools wie Figma, Lovable & Co. in einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Was heute noch ein professioneller Agenturprozess ist, wird morgen teilweise direkt in Marketing-, Vertriebs- oder Digitalabteilungen der Unternehmen stattfinden.

Besonders spannend finde ich dabei einen neuen Trend, den ich zunehmend beobachte: Inhaber und Geschäftsführer beginnen selbst zu prompten. Zunächst lassen sie sich Inhalte erstellen, dann Strukturen, anschließend Designs und schließlich ganze Websites. Damit entsteht eine neue Form des Do-it-yourself-Webs. Noch erkennt man viele dieser Seiten relativ schnell. Je nach eingesetzter KI ähneln sich Typografie, Seitenaufbau, Farbflächen, Karten, Animationen oder Bildwelten. Das erinnert mich durchaus an die frühen 2000er-Jahre, als man vielen Websites sofort ansah, dass sie mit demselben CMS oder demselben WordPress-Theme gebaut worden waren. Die Technik wird allerdings sehr schnell besser werden – und damit wird auch dieser Wiedererkennungseffekt verschwinden.

Für Agenturen ist diese Entwicklung entscheidend. Denn wenn ein mittelständisches Unternehmen Texte, einfache Grafiken, Landingpages oder sogar eine kleinere Website selbst produzieren kann, wird es diese Leistungen immer seltener extern einkaufen. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob die Agentur dieselbe Leistung etwas schöner oder professioneller erstellen kann. Sie muss einen Mehrwert bieten, den das Unternehmen selbst nicht ohne Weiteres erzeugen kann.

Was wird 2031 noch bezahlt?

Wenn ich diese Entwicklung fünf Jahre weiterdenke, sehe ich 2031 eine deutlich andere Agenturlandschaft. Viele Agenturen werden vermutlich kleinere Teams haben und trotzdem wesentlich mehr leisten können. Gleichzeitig werden zahlreiche Aufgaben gar nicht mehr bei Agenturen stattfinden. Texte, einfache Designs, Landingpages, Präsentationen, Standardprogrammierung und Teile der Kampagnenarbeit werden in vielen Unternehmen selbstverständlich mit KI erledigt.

Auch Website-Projekte dürften sich stark verändern. Heute benötigt ein Unternehmen häufig noch Konzeption, Screendesign, Frontend- und Backend-Entwicklung sowie Content-Erstellung. In wenigen Jahren kann aus einer Beschreibung des Geschäftsmodells, einigen Markenparametern und vorhandenen Unternehmensdaten möglicherweise innerhalb kurzer Zeit eine technisch saubere und weitgehend fertige Website entstehen. Der Inhaber beschreibt sein Unternehmen, korrigiert die Inhalte im Dialog und lässt anschließend daraus direkt die digitale Präsenz erzeugen.

Für klassische Produktionsleistungen wird es deshalb immer schwieriger, hohe Preise durchzusetzen. Bezahlt werden wird dort, wo Komplexität beginnt: bei Strategie, tiefem Branchenwissen, Prozessberatung, Datenarchitektur, Sicherheit, Integration verschiedener Systeme und der Verantwortung für geschäftskritische Prozesse. Ebenso bei Lösungen, die unmittelbar messbare Ergebnisse schaffen – etwa mehr Umsatz, geringere Prozesskosten oder besseren Kundenservice.

Ich erwarte deshalb eine deutliche Verschiebung weg vom klassischen Projektgeschäft. Erfolgreiche Agenturen werden stärker eigene Software, Plattformen, Module und automatisierte Services entwickeln. Beratung, Technologie und Produkt werden miteinander verschmelzen. Eine Agentur verkauft dann nicht mehr 150 Programmierstunden für eine individuelle Funktion, sondern eine vorhandene technologische Lösung, die sie für den Kunden intelligent konfiguriert, integriert und weiterentwickelt.

Für uns bei rdts ist genau das eine wichtige strategische Richtung: weniger reine verlängerte Werkbank, dafür mehr Beratung, Automatisierung, eigene Technologien und digitale Produkte.

Die eigentliche Frage lautet: Was kann der Kunde nicht selbst?

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus beiden iBusiness-Artikeln deshalb gar nicht technologischer Natur. Sie betrifft das Geschäftsmodell einer Agentur. Leistungen, mit denen eine Agentur heute noch gutes Geld verdient, können innerhalb kürzester Zeit automatisiert, standardisiert oder direkt zum Kunden verlagert werden. Das Agenturgeschäft wird dadurch schneller, volatiler und härter. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie können wir KI einsetzen, um unsere heutigen Leistungen schneller zu produzieren? Sie lautet: Was können wir für einen Kunden leisten, was er mit KI in Zukunft nicht selbst erledigen kann?

Wenn unsere Antwort darauf lediglich lautet, dass wir Texte schreiben, Websites bauen, Anzeigen gestalten oder Standardcode programmieren können, dürfte es schwierig werden. Wenn die Antwort dagegen lautet, dass wir Geschäftsmodelle verstehen, Prozesse verändern, Technologien intelligent verbinden und für messbare Ergebnisse Verantwortung übernehmen, dann wird es auch in einer KI-dominierten Welt weiterhin Bedarf für Agenturen geben – allerdings für deutlich andere Agenturen als heute.

– Vom KI-Hype zum Härtetest: Sieben Trends, die das Agemnturgeschäft neu ordnen:
https://www.ibusiness.de/aktuell/db/032067SUR.html

– Wofür Agenturen 2027 bezahlt werden und wofür nicht:
https://www.ibusiness.de/aktuell/db/172283SUR.html