Foto: netzversteherAls die ersten Quick-Commerce-Anbieter vor wenigen Jahren in deutschen Städten auftauchten, wirkten sie wie ein radikaler Bruch mit allem, was der Lebensmitteleinzelhandel bis dahin kannte. Lebensmittel in zehn Minuten, per App bestellt, per Fahrrad geliefert, oft nicht teurer als im Supermarkt – das klang nach Zukunft. Namen wie Gorillas, Flink oder Picnic wurden zu Projektionsflächen für eine neue Form des Einkaufens: schnell, bequem, urban, digital.
Vom Pandemie-Beschleuniger zum Realitätscheck
Die Anfangsjahre waren geprägt von Ausnahmezuständen. Pandemie, Homeoffice und geschlossene Innenstädte wirkten wie ein Brandbeschleuniger. Investoren stellten Kapital in bislang ungekannten Höhen bereit, Expansion ging vor Effizienz, Wachstum vor Wirtschaftlichkeit. Quick Commerce war weniger Geschäftsmodell als Wette auf verändertes Konsumverhalten. Heute, Ende 2025, ist klar: Diese Wette ging nur teilweise auf. Gorillas, einst das prominenteste Aushängeschild der Branche, ist inzwischen vom Markt verschwunden. Das Scheitern kam nicht überraschend, sondern folgte einer einfachen ökonomischen Logik. Hohe Personalkosten, teure innerstädtische Lagerflächen, aggressive Rabattmodelle und dauerhaft subventionierte Lieferungen lassen sich nicht beliebig lange durchfinanzieren. Geschwindigkeit allein ist kein Geschäftsmodell.
Wer geblieben ist, hat sich verändert
Dass Quick Commerce dennoch nicht verschwunden ist, liegt an den Anbietern, die ihre Ambitionen angepasst haben. Flink existiert weiterhin – weniger laut, weniger expansiv, dafür deutlich strukturierter. Picnic verfolgt konsequent ein geplantes Liefermodell und verzichtet bewusst auf den Zehn-Minuten-Mythos. Knuspr besetzt die Schnittstelle zwischen Online-Supermarkt und schneller Lieferung. Der Markt ist kleiner geworden, aber stabiler. Quick Commerce ist heute kein flächendeckendes Versprechen mehr, sondern ein Angebot für klar definierte Nutzungssituationen. Spontan, ergänzend, urban – nicht mehr missionarisch, sondern pragmatisch.
Wenn der Supermarkt mit am Tisch sitzt
Bemerkenswert ist, dass der klassische Lebensmitteleinzelhandel diese Entwicklung nicht ignoriert hat. Im Gegenteil. Handelskonzerne haben früh verstanden, dass Quick Commerce kein Gegner ist, sondern ein strategisches Experimentierfeld. REWE ist als Gesellschafter bei Flink eingestiegen – nicht aus Begeisterung für Fahrräder und Lieferzeiten, sondern aus Interesse an Kundenschnittstellen, Daten und neuen Einkaufslogiken. Quick Commerce wird damit Teil einer hybriden Handelsstrategie. Der Supermarkt bleibt der zentrale Ort für den Wocheneinkauf, für Frische, für Erlebnis. Die schnelle Lieferung ergänzt ihn dort, wo Zeit fehlt oder Planung scheitert. Konkurrenz sieht anders aus.
Einkauf bleibt Erlebnis – auch im Jetzt
Wer in den vergangenen Jahren Supermärkte besucht hat, erkennt schnell: Der stationäre Handel ist nicht stehen geblieben. Frischetheken, regionale Produkte, neue Ladenkonzepte und gastronomische Elemente zeigen, dass Einkaufen für viele Menschen mehr ist als eine logistische Aufgabe. Es ist Routine, soziale Interaktion, manchmal sogar bewusste Entschleunigung. Quick Commerce kann das nicht ersetzen – und muss es auch nicht. Sein Platz liegt in den Momenten dazwischen. Technologisch hat sich die Branche weiterentwickelt. Algorithmen, Warenkorbanalysen und personalisierte Empfehlungen sind Alltag. Predictive Buying existiert heute in abgeschwächter Form: als Erinnerung, als Vorschlag, als Komfortfunktion. Die Idee, Waren ungefragt vorauszusenden, ist dagegen weitgehend gescheitert – an Datenschutz, Retourenquoten und einem sehr menschlichen Bedürfnis nach Kontrolle.
Wenn Technik die Kostenfrage löst
Bislang war Quick Commerce vor allem an einer Stelle verwundbar: bei den Kosten der letzten Meile. Fahrradkuriere, Schichtmodelle, hohe Fluktuation und innerstädtische Logistik lassen sich nur begrenzt effizient organisieren. Doch genau hier könnte sich das Bild in den kommenden Jahren grundlegend verändern. In den USA sind autonome Lieferfahrzeuge und kleine, selbstfahrende Food-Roboter bereits Teil des Straßenbilds. Sie fahren Gehwege entlang, warten geduldig an Ampeln und liefern Bestellungen ohne menschlichen Fahrer aus. Parallel experimentieren Plattformen mit Drohnenlieferungen, die Pakete punktgenau auf Balkone oder Fensterbänke bringen. Was heute noch nach Ausnahme klingt, könnte in fünf Jahren in bestimmten Stadtquartieren zur Normalität werden. Sollten sich diese Technologien durchsetzen, verändert sich die ökonomische Gleichung des Quick Commerce erheblich. Sinkende Personalkosten, längere Einsatzzeiten und eine höhere Planbarkeit würden aus dem heutigen Komfortangebot ein deutlich tragfähigeres Geschäftsmodell machen. Geschwindigkeit wäre dann nicht mehr der teuer erkaufte USP, sondern eine Nebenwirkung effizienter Systeme.
Ob und wie schnell das in Europa Realität wird, hängt weniger von der Technik als von Regulierung, Akzeptanz und Stadtentwicklung ab. Doch eines ist absehbar: Wenn die letzte Meile automatisiert wird, bekommt Quick Commerce eine zweite Chance – nicht als Hype, sondern als skalierbarer Bestandteil urbaner Versorgung.
Quick Commerce war seiner Zeit voraus
Quick Commerce ist nicht daran gescheitert, dass Menschen keinen schnellen Einkauf wollen. Gescheitert sind jene Modelle, die Geschwindigkeit mit Wirtschaftlichkeit verwechselt haben. Zehn Minuten Lieferung waren beeindruckend – aber teuer. Zu teuer, um dauerhaft zu funktionieren, solange die letzte Meile von menschlicher Arbeitskraft und innerstädtischer Improvisation abhängt. Was bleibt, ist kein Trümmerfeld, sondern ein neu sortierter Markt. Der klassische Supermarkt hat sich als erstaunlich robust erwiesen, Quick Commerce als sinnvolle Ergänzung. Nicht als Ersatz, nicht als Massenphänomen, sondern als Lösung für konkrete Situationen. Genau deshalb investieren Handelskonzerne weiterhin in diese Modelle: nicht aus Euphorie, sondern aus strategischem Interesse. Der eigentliche Wendepunkt liegt jedoch noch vor uns. Sollten autonome Lieferfahrzeuge, Gehweg-Roboter oder Drohnen die Kosten der letzten Meile deutlich senken, verschiebt sich die wirtschaftliche Logik grundlegend. Dann wird Geschwindigkeit nicht mehr subventioniert, sondern skaliert. Quick Commerce bekäme damit eine zweite Entwicklungsstufe – weniger sichtbar, weniger laut, aber deutlich tragfähiger.
Vielleicht war Quick Commerce nie die Revolution des Einkaufens. Vielleicht war er ein Frühindikator. Einer, der gezeigt hat, wie sehr sich Handel verändern kann – und wie schnell Visionen an der Realität gemessen werden. Wer heute genau hinschaut, erkennt: Der schnelle Einkauf ist nicht verschwunden. Er wartet nur auf den Moment, in dem Technik und Wirtschaftlichkeit zusammenfinden.
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