22.09.2019

Ghost Worker trainieren die Künstliche Intelligenz

Foto: netzversteher

Achtung: Auch Sie sind ein sogenannter Ghost Worker! Wenn Sie z. B. die Google Captcha-Abfrage nutzen, um zu beweisen, dass Sie ein Mensch und kein Bot oder Spammer sind, dann werden Sie als Ghost Worker aktiv. Um ein Formular absenden zu können, müssen Sie nämlich aus neun Fotos Motive aus dem Straßenverkehr erkennen, wie z. B. Busse, Autos, Verkehrsschilder, Fußgängerüberwege, Ampeln oder Zebrastreifen etc.

Auch Sie sind ein Ghost Worker!

Die Captchas wurden zunächst entwickelt, um den missbräuchlichen Gebrauch der Formulare und Shopbestellungen durch automatisierte Bots zu verhindern. Dass Sie sich bei diesen spielerischen Bilderrätsel damit als unbezahlter „Geisterarbeiter“ betätigen, ist vielen bislang unbekannt. Denn mit Ihren Antworten trainieren Sie die künstlichen Intelligenz-Systeme, in diesem Fall für die selbstfahrenden Autos von Google. Denn diese Systeme müssen im Straßenverkehr ein genaues Abstraktionsverständnis entwickeln, um Fehlentscheidungen zu vermeiden. Denn diese kosten im Zweifel Fahrer, Beifahrer oder Passant das Leben.

Geisterarbeit über Crowdsourcing-Marktplätze

Neben unbezahlten Kräften wie Sie gibt es allerdings auch bezahlte. Diese sitzen vor dem Computer, beantworten die Motivfragen kommerzieller KI-Unternehmen und trainieren damit die entsprechenden Algorithmen. Meist stecken riesige Technologieunternehmen dahinter, die dank der Reichweite des Cloud Computings und des Internets Menschen auf der ganzen Welt als Ghost Worker rekrutieren können. Über sogenannte Crowdsourcing-Marktplätze kann jeder diese Jobs annehmen.

Globale Belegschaft liefert kollektive Intelligenz

Eines dieser Unternehmen ist Amazon Mechanical Turk (MTurk). Es bietet an, Prozesse und Jobs an eine verteilte Belegschaft auszulagern, die diese Aufgaben sozusagen „virtuell“ ausführt. Dies kann alles umfassen: von der Durchführung einfacher Datenvalidierung und -recherche bis hin zu subjektiveren Aufgaben wie Umfrageteilnahme, Inhaltsmoderation und mehr. MTurk will es Unternehmen ermöglichen, die kollektive Intelligenz, die Fähigkeiten und Erkenntnisse einer globalen Belegschaft zu nutzen, um Geschäftsprozesse zu rationalisieren, die Datenerfassung und -analyse zu erweitern und die Entwicklung des maschinellen Lernens zu beschleunigen.

Moderne Fließbänder mit Überstunden und Unterbezahlung

Schon wird im Silicon Valley darüber diskutiert, ob die Ghost Worker nicht sozial ausgenommen werden. Die Bezahlung läuft z. B. bei MTurk weitestgehend mit Amazon-Geschenkkarten. Die Autoren Mary Gray und Siddharth Suri fragen sich daher in ihrem viel beachteten Bestseller, wie das Heranwachsen dieser neuen Unterschicht gestoppt werden kann. In ihrem Buch enthüllen sie, wie Dienstleistungen von Unternehmen wie Amazon, Google, Microsoft und Uber nur dank der Erfahrung einer großen, unsichtbaren menschlichen Arbeitskraft reibungslos funktionieren können. Ihrer Schätzung nach haben fast 10 Prozent der Amerikaner schon einmal in dieser „Geisterwirtschaft“ gearbeitet, und diese Zahl wachse. Angeprangert wird es als moderne Fließbänder, die allzu oft Überstunden und Unterbezahlung mit sich ziehe. Gray und Suri zeigen daher auf, wie Ghost Worker, Arbeitgeber und die Gesellschaft im Allgemeinen sicherstellen können, dass diese neue Art von Arbeit Chancen schafft und zwar nicht nur das Elend für diejenigen, die es tun. – Besser kann ich den Schlussgedanken nicht formulieren.

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